Kirche Raumland

Aus historischer Sicht ist Raumland einer er wichtigsten Orte in Wittgenstein. Als die christlichen Missionare sich lahn- und ederaufwärts bis zum Rothaargebirge vorarbeiteten, wurde hier der Missionsstützpunkt für das Gebiet von Eder und Odeborn eingerichtet. Ebenso wie Feudingen für das Lahngebiet wurde Raumland die Urpfarrei für den nördlichen Teil des Wittgensteiner Landes. Allein die exponierte Lage von Ort und Kirche auf einem steilen Felsen hoch über der Einmündung der Odeborn in die Eder deutet auf eine sehr alte Siedlung hin. Und so dürfen wir als sicher annehmen, daß anstelle der heute sichtbaren Kirche ältere Gotteshäuser, vermutlich Holzbauten, gestanden haben. Auch aus baugeschichtlicher Sicht ist Raumland bedeutsam. Denn die dortige Kirche ist der älteste erhaltene Kirchenbau Wittgensteins und zugleich auch die älteste erhaltene südwestfälische Hallenkirche. Erbaut wurde die Kirche, bis zur Reformation dem Hl. Martin geweiht, in der Mitte des zwölften Jahrhunderts, etwa in den Jahren 1240 bis 1260. Die Mächtigkeit des Mauerwerks und die ursprünglich kleinen (im Vorraum sind sie noch in Originalgröße erhalten) Fenster lassen deutlich werden, daß der Kirchenbau nicht nur sakralen Zwecken, sondern auch zur Verteidigung, bzw. dem Schutz der Bevölkerung zu dienen hatte. Betrachten wir die Kirche von außen, so fällt neben der Kompaktheit des spätromanischen Mauerwerks der Dachreiter ins Auge, der erst 1956 anstelle eines kleinen, an der Nordostseite angebauten und 1955 eingerissenen Glockentürmchens aufgesetzt wurde. Der gewaltige Pfeiler, der die Südwand abstützt, ist nachträglich im Jahr 1730 hinzugefügt worden.
Betritt man die Kirche, so ist schon die innere Tür zwischen Windfang und Kirchenraum sehenswert. Sie ist aus mächtigen Eichenbohlen gezimmert, mit einem schmiedeeisernen Schnappschloß versehen und stammt aus der zweiten Hälfte des 17. oder aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts.
Im Innern finden wir das dreischiffige und dreijochige Hallenlanghaus, an das sich ein einjochiger, von einer Halbkreisapsis abgeschlosser Chor anschließt. Auffallend ist, daß sich die Pfeiler im Schiff nach außen neigen. Baugeschichtliche Untersuchungen ergaben, daß die Pfeiler nicht etwa im Laufe der Zeiten ihre Lage veränderten. Vielmehr war die Neigung von Anfang an gegeben. Im Chor sind die 1985 freigelegten Wandmalereien beachtenswert. Sie stammen vermutlich aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und stellen den Kreuzweg Christi dar (vgl. den gesonderten Beitrag im AnschIuss an die Kirchenbeschreibung).
Das älteste erhaltene Stück des Kircheninventars ist wohl der Abendmahlstisch aus der zweiten Hälfte des 17 Jahrhunderts Dominierend sind die Emporen im Kirchenschiff. Sie wurden nach und nach während des 17. und 18. Jahrhunderts eingebaut. Sie dienten früher den Männern des Kirchspiels, das heißt Raumland, Berghausen, Rinthe, Dotzlar und Hemschlar, als Sitzplatz. Die älteste Empore befindet sich im Osten der Südseite der Kirche. Eine eingeschnittene Inschrift nennt den Namen des Pfarrers, der zur Zeit ihrer Erbauung amtierte: HENRICH BIRCKENHEVER PASTOR. Birkenheuer war seit 1666 in Raumland tätig und ertrank 1699 in der Eder. Die sehenswerteste, weil am reichsten ausgeschmückte Empore befindet sich im Osten der Nordseite, direkt über dem Kircheneingang. Sie wurde ca. 1720 von dem berühmten Wittgensteiner Zimmermann Mannus Riedesel angefertigt. Reiche S chnitzereien zeigen Weinreben und andere, nicht identifizierbare Früchte. In der Mitte ist ein Teufelskopf zu sehen, dem mit einem Ring der Mund verschlossen ist: Der Teufel hat in der Kirche keinen Einfluss, er muß sich das anhören, was der Pfarrer von der gegenüberliegenden, 1747 gefertigten Kanzel predigt. Ähnliche Ornamente finden sich an der Außenfassade der ebenfalls von Riedesel gezimmerten Sassenhäuser Kapelle. Im Zusammenhang mit einer dort befindlichen Inschrift dürfen wir vermuten, daß die Wein- und sonstigen Früchte nicht, wie man zunächst vermuten möchte, auf die Üppigkeit des verheißenen Landes hinweisen, sondern auf das nahe bevorstehende Endgericht, auf das Einfahren der letzten Ernte durch den Schöpfer. Die jüngste der Emporen stammt aus dem Jahr 1771. Ungewöhnlich für Kirchen in Wittgenstein sind die Epitaphien. Das größte Epitaph befindet der Nordseite der Kirche.
Es ist aus Gußeisen, ca. 2 m hoch und 78 cm breit. Es ist dem 1778 in gestorbenen Pfarrer Philipp Hoffmann gewidmet. Neben der Inschrift zeigt es das Symbol eines Totenkopfes. Des weiteren finden wir an der Nordwand eine Holztafel, die dem 1756 im Alter von 12 Jahren gestorbenen Sohn des eben genannten Pfarrers Hoffmann gewidmet ist. Eine dritte Holztafel zeigt eine barocke Malerei. Zu sehen ist ein liegendes Kind, das mit der Hand einen Totenkopf umfaßt. Dahinter ist eine abgebrannte Kerze zu sehen, daneben ein Stundenglas. Die Darstellung soll die Vergänglichkeit allen Lebens symbolisieren. Die Tafel wurde aus Anlass des Todes von Elisabeth Becker im Jahr 1693 angefertigt.
Zur Ausstattung der Kirche gehört auch ein altes Abendmahlsgerät, bestehend aus einer Weinkanne (Berner Stegkanne) aus dem 17. oder 18. Jh., einer weiteren, etwas älteren Weinkanne aus dem 17. Jh., einer zinnernen Taufschale aus dem Jahr 1774 und einem Teller, der die Initialen KR (Kirche Raumland?) trägt und etwa aus dem Jahr 1800 stammen dürfte.
Die Orgel wurde 1969 von Detlef Kleucker aus Brackwede gebaut. Sie hat 2 Manuale und 9 Register. Im Dachreiter hängen drei Glocken, die in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts vermutlich in Hessen gegossen worden sind. Im Bereich Westfalens ist dieses Geläut seit der Zerstörung des Mindener Dorns im Zweiten Weltkrieg das älteste vollständig erhaltene Geläut. Die größte Glocke (Durchmesser 0,79 cm) wiegt ca. 350 kg und trägt die Inschrift:
AVE.mAriA.GrACiA.PLENA.
Auch die beiden übrigen kleineren Glocken tragen Inschriften, die nicht sicher identifizierbar sind.

Johannes Burkardt

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